Ein guter Freilauf beginnt lange bevor du deinen Hund zurückrufen musst

Warum ein perfekter Rückruf nicht die Grundlage für entspannten Freilauf ist.

„Wie gut ist der Rückruf deines Hundes?“
Diese Frage höre ich in meinen Trainings regelmäßig. Und sie ist absolut berechtigt.
Ein gut aufgebauter Rückruf gehört für mich zu jedem Hundetraining dazu und sollte regelmäßig trainiert und aufgefrischt werden.
Trotzdem möchte ich heute eine Aussage treffen, die im ersten Moment vielleicht überrascht:
Ein entspannter und sicherer Freilauf hängt nicht in erster Linie von einem perfekten Rückruf ab.
Denn ein Rückruf bedeutet immer eines:
Ich reagiere auf eine Situation.
Mein Ziel im Training ist jedoch ein anderes.
Ich möchte gar nicht erst in diese Situation kommen.
Ich möchte agieren, bevor ich reagieren muss.
Und genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen einem Hund, der lediglich einen guten Rückruf gelernt hat, und einem Mensch-Hund-Team, das draußen wirklich miteinander arbeitet.
Freilauf entsteht nicht durch Kommandos, sondern durch Kommunikation.
Viele Menschen verbinden sicheren Freilauf mit einem einzigen Signal:
„Komm!“
Dabei beginnt guter Freilauf lange bevor dieses Signal überhaupt notwendig wird.
Er beginnt mit einer guten Kommunikation zwischen Mensch und Hund.
Ein Hund, der sich regelmäßig an seinem Menschen orientiert, Blickkontakt sucht und gelernt hat, gemeinsam Entscheidungen zu treffen, bringt ganz andere Voraussetzungen für entspannten Freilauf mit als ein Hund, der erst auf ein Rückrufsignal reagiert.
Mein Ziel ist deshalb nicht, meinen Hund möglichst oft zurückrufen zu müssen.
Mein Ziel ist, dass ich ihn möglichst selten zurückrufen muss.
Nicht, weil er einfach macht, was er möchte.
Sondern weil wir ständig miteinander in Verbindung bleiben.
Wer seinen Hund versteht, kann frühzeitig handeln.
Ein weiterer Baustein, der meiner Meinung nach viel zu wenig Beachtung findet, ist die Fähigkeit des Menschen, seinen Hund wirklich lesen zu können.
Wie verändert sich seine Körpersprache?
Wann steigt seine Erregung?
Wann richtet sich seine Aufmerksamkeit auf einen Reiz?
Wann verliert er langsam die Orientierung an seinem Menschen?
Wer diese Veränderungen erkennt, kann frühzeitig handeln.
Vielleicht reicht es, den Hund anzusprechen.
Vielleicht genügt ein gemeinsamer Richtungswechsel.
Vielleicht ist heute einfach der richtige Moment, die Schleppleine wieder einzuhaken.
Das ist kein Versagen. Das ist gutes Management.
Und genau dieses Management sorgt häufig dafür, dass ein Rückruf überhaupt nicht notwendig wird.
Erregung entscheidet darüber, was dein Hund leisten kann.
In meinem letzten Blogbeitrag habe ich bereits darüber geschrieben, warum hohe Erregung die Fähigkeit eines Hundes beeinflusst, Impulskontrolle zu zeigen.
Je stärker ein Hund emotional aktiviert ist, desto schwieriger wird es für ihn, bewusst Entscheidungen zu treffen.
Deshalb möchte ich gar nicht erst warten, bis mein Hund völlig in einem Reiz aufgeht.
Ich möchte ihn bereits dann begleiten, wenn er noch ansprechbar ist.
Ein entspannter Hund kann sich orientieren.
Ein Hund in maximaler Erregung häufig nicht mehr.
Genau deshalb beginnt guter Freilauf lange bevor dein Hund zurückgerufen werden muss.
Orientierung schlägt Rückruf. Freilauf Hund
Für mich ist Orientierung die eigentliche Grundlage von Freilauf.
Ich wünsche mir einen Hund, der sich freiwillig an mir orientiert.
Der Reize wahrnimmt, ohne sofort impulsiv zu handeln. Der gelernt hat, mit mir in Kommunikation zu bleiben und mir die Reize anzuzeigen.
Der nicht jede Entscheidung allein treffen muss.
Denn wenn diese Orientierung vorhanden ist, wird der Rückruf häufig gar nicht mehr gebraucht. Nicht, weil der Hund perfekt ist. Sondern weil viele Situationen bereits vorher gemeinsam gelöst werden.
Der Rückruf bleibt dennoch wichtig. Er ist und bleibt mein Sicherheitsnetz.
Aber er ist nicht das Fundament.
Genau darauf basiert „Leinenlos glücklich“
Viele verbinden mein Trainingsprogramm „Leinenlos glücklich“ zunächst mit Jagdkontrolltraining.
Tatsächlich greift dieser Gedanke aber zu kurz.
Ja, jagdlich motivierte Hunde profitieren enorm von diesem Konzept.
Doch „Leinenlos glücklich“ richtet sich an alle Hunde, die draußen Schwierigkeiten haben, mit Umweltreizen umzugehen.
Ganz gleich, ob Wild, andere Hunde, Menschen, Fahrräder oder andere Auslöser den Hund aus der Ruhe bringen – die Grundlagen bleiben dieselben.
Im Training geht es darum,
dass du lernst, deinen Hund besser zu verstehen,
seine Körpersprache lesen zu können,
Erregung frühzeitig zu erkennen,
Orientierung aufzubauen,
eine echte Kommunikation zu entwickeln,
und gemeinsam Entscheidungen zu treffen.
Natürlich trainieren wir auch den Rückruf.
Aber eben nicht isoliert. Sondern als Teil eines Gesamtkonzeptes.
Denn ein Rückruf allein macht noch keinen entspannten Freilauf.
Was das mit Jagdkontrolltraining zu tun hat.
Gerade im Jagdkontrolltraining zeigt sich besonders deutlich, warum diese Grundlagen so wichtig sind.
Wenn ein Hund bereits hoch erregt einem Wildtier hinterherblickt, beginnt der schwierigste Teil des Trainings nicht erst mit dem Rückruf.
Er beginnt viel früher. Nämlich in dem Moment, in dem der Mensch erkennt, wie sich die Erregung seines Hundes verändert.
Je besser ich meinen Hund lesen kann, je früher ich seine Orientierung zurückgewinne und je besser unsere Kommunikation funktioniert, desto seltener komme ich überhaupt in Situationen, in denen ich einen Notfallrückruf benötige.
Deshalb arbeite ich im Jagdkontrolltraining genauso wie im Freilauftraining immer an den Grundlagen – nicht nur an einzelnen Signalen.
Mein Fazit
Ein guter Rückruf ist wichtig. Jeder Hund sollte ihn lernen.
Doch ein entspannter Freilauf entsteht nicht dadurch, dass wir unseren Hund möglichst oft zurückrufen. Er entsteht durch Verständnis. Durch Orientierung. Durch Kommunikation. Durch das Wissen, wann unser Hund Unterstützung braucht.
Und durch die Fähigkeit, rechtzeitig zu handeln, bevor aus einem kleinen Reiz ein großes Problem wird.
Deshalb beginnt ein guter Freilauf für mich nicht mit dem Rückruf.
Er beginnt lange bevor du deinen Hund zurückrufen musst.




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