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Jagdverhalten beim Hund verstehen – warum Jagdhund nicht gleich Jagdhund ist

  • Autorenbild: Sarah Engel
    Sarah Engel
  • 12. Juli
  • 6 Min. Lesezeit
Deutsch Kurzhaar sieht einen Hasen

„Mein Hund ist jagdambitioniert.“


Diesen Satz höre ich beinahe täglich. Und tatsächlich haben viele Hundehalter einen jagdlich ambitionierten Hund an ihrer Seite. Doch genau an dieser Stelle beginnt häufig das erste Missverständnis.

Denn Jagdverhalten beim Hund ist nicht gleich Jagdverhalten.


Viele Hundehalter werfen Retriever, Spaniel, Bracken, Vorstehhunde oder Podencos in einen Topf. Dabei wurden diese Hunde über viele Generationen hinweg für völlig unterschiedliche Aufgaben innerhalb der Jagd gezüchtet. Sie zeigen deshalb unterschiedliche Verhaltensweisen, bringen andere Stärken mit und benötigen häufig auch einen anderen Umgang im Alltag.

Wer das versteht, kann seinen Hund besser lesen, realistischer einschätzen und das Training sinnvoller gestalten.


Stell dir einmal deinen Hund vor …


Sucht er ständig mit der Nase den Boden ab?

Fixiert er Wild oder Bewegungen schon auf große Entfernung?

Durchstöbert er auf Spaziergängen jeden Busch?

Oder trägt er begeistert alles durch die Gegend, was er findet?


Vielleicht hast du innerlich gerade mehrmals genickt. Genau diese Unterschiede sind kein Zufall. Sie verraten oft, für welche Aufgabe dein Hund ursprünglich gezüchtet wurde.

Um das einmal greifbar zu machen: Ein Retriever, ein Cocker Spaniel und eine Bracke sind zwar alles Jagdhunde – trotzdem wurden sie für völlig unterschiedliche Aufgaben gezüchtet.

Während der Retriever eng mit dem Jäger zusammenarbeitet und erlegtes Wild apportiert, sucht der Spaniel selbstständig dichtes Gelände nach Wild ab. Die Bracke hingegen verfolgt eine Spur oft über viele Kilometer und trifft dabei eigenständige Entscheidungen.

Alle drei Hunde zeigen also Jagdverhalten – aber auf völlig unterschiedliche Weise.

Genau deshalb kann es auch kein Training geben, das für alle jagdlich motivierten Hunde gleichermaßen funktioniert.


Die JagdverhaltensketteJagdverhalten Hund

Um Jagdverhalten besser zu verstehen, hilft die Jagdverhaltenskette nach Anja Fiedler. Sie beschreibt die einzelnen Bestandteile des natürlichen Jagdverhaltens:


  • Orientieren

  • Fixieren

  • Anschleichen

  • Hetzen

  • Packen

  • Töten

  • Zerlegen

  • Fressen


Nicht jeder Hund zeigt alle Elemente dieser Kette gleich stark. Durch gezielte Zucht wurden einzelne Sequenzen verstärkt, andere abgeschwächt oder sogar nahezu vollständig unterdrückt.

Genau hier liegt einer der häufigsten Denkfehler.

Viele Menschen hören lediglich: „Mein Hund hat Jagdtrieb.“ Doch das sagt zunächst erstaunlich wenig aus. Viel spannender ist die Frage:


Welcher Teil der Jagdverhaltenskette wurde bei meinem Hund über Generationen besonders gefördert?


Genau daraus ergeben sich häufig die größten Herausforderungen im Alltag – aber eben auch die größten Chancen im Training.


Ein paar Beispiele aus der Praxis


Retriever

Retriever wurden speziell dafür gezüchtet, bereits geschossenes Nieder- oder Wasserwild auf Signal des Jägers zu apportieren. Ihre Aufgabe beginnt also erst nach dem Schuss. Eigenständiges Hetzen oder Töten war ausdrücklich nicht erwünscht. Stattdessen sollten sie eng mit dem Menschen zusammenarbeiten und Wild unbeschädigt zurückbringen – deshalb spricht man auch vom sogenannten „weichen Maul“.

Retriever gelten häufig als kooperativ, menschenbezogen und arbeitsfreudig. Besonders ausgeprägt sind bei ihnen das Suchen und Apportieren.


Cocker Spaniel

Der Cocker Spaniel gehört zu den Stöberhunden. Seine Aufgabe war es, Wild im dichten Bewuchs aufzuspüren und aus der Deckung herauszutreiben, damit der Jäger es überhaupt zu Gesicht bekam.

Spaniel arbeiten deutlich eigenständiger als Retriever. Sie sind oft sehr bewegungsfreudig, passionierte Sucher und besitzen eine enorme Motivation, dichtes Gelände nach Wild abzusuchen.


Weimaraner

Der Weimaraner gehört zu den deutschen Vorstehhunden. Seine Aufgabe bestand darin, Wild über die Nase zu finden und es durch das typische Vorstehen anzuzeigen. Erst auf Anweisung des Jägers wurde weitergearbeitet. Zusätzlich wurden Weimaraner traditionell auch für Nachsuchen eingesetzt und galten als vielseitige Jagdgebrauchshunde.

Sie bringen häufig eine hohe Arbeitsbereitschaft, Ausdauer und einen ausgeprägten Finderwillen mit.


Bracken

Bracken gehören zu den klassischen Laufhunden. Sie verfolgen die Spur von Wild oft über viele Kilometer hinweg und arbeiten dabei sehr selbstständig. Während ihrer Arbeit halten sie über ihren charakteristischen Spurlaut Kontakt zum Jäger.

Ihre enorme Nasenleistung, ihre Ausdauer und ihre Eigenständigkeit machen sie zu beeindruckenden Spezialisten.


Podenco

Podencos stammen ursprünglich aus dem Mittelmeerraum und wurden vor allem zur Kaninchenjagd eingesetzt. Sie arbeiten mit Nase, Augen und Ohren gleichzeitig und treffen viele Entscheidungen eigenständig – häufig ohne direkten Kontakt zum Menschen.

Sie gelten als sehr ausdauernd, sensibel und selbstständig und zeigen häufig ein stark ausgeprägtes Orientieren, Fixieren und Hetzen.


Border Collie und Australian Shepherd

Viele vergessen, dass auch Hüteverhalten zu Jagdverhalten gehört.

Beim Hüten wurden einzelne Bestandteile der Jagdverhaltenskette bewusst erhalten, während Packen, Töten und Fressen züchterisch unterdrückt wurden.

Besonders Border Collies zeigen häufig ein intensives Fixieren („Eye“) und kontrollieren Bewegungen über Anschleichen und kontrolliertes Hetzen. Australian Shepherds arbeiten meist etwas körperlicher und treiben Tiere stärker.


Deutscher Schäferhund

Auch der Deutsche Schäferhund wurde ursprünglich zum Hüten und Bewachen von Schafherden gezüchtet. Anders als der Border Collie arbeitet er weniger über intensives Fixieren, sondern eher über Präsenz, Kontrolle und Treiben. Später entwickelte er sich zum vielseitigen Gebrauchs- und Diensthund.


Auch innerhalb einer Kategorie gibt es große Unterschiede

Wer jetzt denkt: „Dann reicht es doch zu wissen, dass mein Hund ein Vorstehhund oder ein Stöberhund ist.“, der irrt leider ebenfalls.

Denn selbst innerhalb einer jagdlichen Kategorie unterscheiden sich die einzelnen Rassen teilweise deutlich.


Ein gutes Beispiel sind der Weimaraner und der Deutsch Kurzhaar. Beide gehören zu den Vorstehhunden und wurden für die vielseitige Jagd gezüchtet. Dennoch wurden sie über viele Generationen mit unterschiedlichen Schwerpunkten selektiert.

Der Deutsch Kurzhaar gilt als ausgesprochen dynamischer, ausdauernder und temperamentvoller Jagdgebrauchshund, der vor allem für eine schnelle und weiträumige Feldsuche gezüchtet wurde. Der Weimaraner hingegen zeichnet sich laut Rassestandard durch eine systematische und ausdauernde Suche aus, gilt dabei jedoch als nicht übermäßig temperamentvoll und wurde traditionell zusätzlich stark für Nachsuchen und die Arbeit nach dem Schuss eingesetzt.


Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder Deutsch Kurzhaar „wilder“ ist als jeder Weimaraner. Jeder Hund ist ein Individuum und auch die Zuchtlinien unterscheiden sich. Dennoch zeigen viele Rassen typische Tendenzen, die sich im Alltag bemerkbar machen können.


Genau deshalb schaue ich im Training nie nur auf die Überschrift „Vorstehhund“, „Stöberhund“ oder „Retriever“. Ich schaue mir immer den Hund an, der vor mir steht – seine genetische Veranlagung, seine Persönlichkeit und seine individuellen Bedürfnisse.

Denn genau darin liegt für mich der Schlüssel zu einem fairen und erfolgreichen Jagdkontrolltraining.


Eng am Menschen bedeutet nicht automatisch einfach

Ein Malli mit seinem Halter auf einem Feld, beide gucken sich an

Ein weiterer Irrtum hält sich hartnäckig.

Hunde, die ursprünglich eng mit dem Jäger zusammenarbeiten sollten, gelten oft als unkomplizierter.

Natürlich bringen viele Retriever oder Vorstehhunde eine hohe Kooperationsbereitschaft mit. Sie möchten mit ihrem Menschen zusammenarbeiten und orientieren sich häufig stärker an ihm als beispielsweise eine Bracke oder ein Podenco.

Doch genau darin liegt häufig auch die Herausforderung.

Bekommt ein solcher Hund keine klare Führung, keine gemeinsame Aufgabe oder keine Orientierung, sucht er sich häufig selbst eine Beschäftigung. Aus Kooperation kann Frust entstehen, aus Frust Eigeninitiative – und plötzlich wirkt ein eigentlich sehr menschenbezogener Hund unruhig, fordernd oder entwickelt Verhaltensweisen, die viele Halter überraschen.

Enge Zusammenarbeit bedeutet also keineswegs, dass diese Hunde einfacher sind. Sie haben lediglich andere Bedürfnisse als Hunde, die schon immer selbstständiger arbeiten sollten.


Und was ist mit Tierschutzhunden?

Gerade bei Hunden aus dem Tierschutz ist dieses Wissen besonders wichtig.

Manchmal weiß man gar nicht, welche Rassen in einem Hund stecken. Manchmal weiß man aber sehr genau, dass es sich um einen ehemaligen Jagdhund handelt.

Oft höre ich dann den Satz:

„Der wurde doch aussortiert. Dann wird er ja wohl kein richtiger Jagdhund sein.“

Doch genau das ist ein Trugschluss.

Nicht jagdtauglich bedeutet nicht automatisch, dass ein Hund kein Jagdverhalten zeigt.

Ein Hund kann beispielsweise nicht schussfest sein, unter dem Stress einer Jagd nicht ausreichend belastbar bleiben oder andere Eigenschaften mitbringen, die ihn für den jagdlichen Einsatz ungeeignet machen.

Seine genetische Veranlagung zu jagen verschwindet dadurch aber nicht.

Deshalb lohnt es sich gerade bei Tierschutzhunden, genau hinzuschauen: Welche Verhaltensweisen zeigt dieser Hund? Welche Elemente der Jagdverhaltenskette fallen besonders auf? Diese Beobachtungen helfen häufig deutlich mehr als die bloße Vermutung über seine Herkunft.


Mein Fazit

Ich persönlich arbeite unglaublich gern mit jagdlich motivierten Hunden. Nicht, obwohl sie jagen – sondern gerade deshalb.


Die ursprüngliche Aufgabe einer Rasse erklärt Verhalten – sie bestimmt es aber nicht.


Ich finde es faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich diese Hunde arbeiten, welche Fähigkeiten sie mitbringen und wie viel Geschichte in ihrem Verhalten steckt.

Für mich beginnt erfolgreiches Training deshalb nicht damit, Jagdverhalten einfach „abzustellen“. Es beginnt damit, den Hund vor sich zu verstehen.


Wer akzeptiert, dass sein Hund eine jagdliche Veranlagung mitbringt, kann anfangen, mit ihr zu arbeiten, statt ständig gegen sie anzukämpfen.


Genau darin liegt für mich der Schlüssel zu einem fairen, alltagstauglichen und nachhaltigen Jagdkontrolltraining: den Hund nicht in eine Schublade zu stecken, sondern ihn mit seiner individuellen Veranlagung zu sehen.

Denn Jagdhund ist eben nicht gleich Jagdhund.

Und genau deshalb sollte auch das Training nicht für alle gleich aussehen.

Sarah Engel mit ihren Hunden vor einer Schafherde

 
 
 

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