Pflegehund Djolé– Unsere erste Woche zwischen Ankommen, Training und kleinen Lernwundern
- Sarah Engel

- 23. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Es gibt Sonntage, die verändern den Alltag – und manchmal gleich ein ganzes "Rudel". Vergangenen Sonntag war so einer. Denn aus Portugal kam Djolé, ein fünfjähriger Rüde von Tino e.V., der mit einer Mischung aus Energie, Neugier und „Ich bin dann mal da!“ bei uns eingezogen ist.
Hier nehme ich euch mit durch unsere gemeinsame Woche – ehrlich, praxisnah und vielleicht so inspirierend, dass ihr selbst Lust bekommt, mit eurem Hund an Ruhe, Routinen und Leinenführigkeit zu arbeiten.

Tag 1: Ankunft vom Pflegehund mit Turbo – und erstaunlich viel Gelassenheit
Der Transporter rollt in Mönchengladbach ein, Türen öffnen sich, und heraus kommt: Pflegehund Djolé. Voller Tempo, voller Tatendrang und mit einer dringend gefüllten Blase.
Was mich direkt beeindruckt hat: Er hat sich sofort draußen gelöst.
Viele Tierschutzhunde schaffen das vor lauter Stress nicht. Djolé dagegen war neugierig, präsent, mutig – und weder Autos noch Verkehr konnten ihn verunsichern.
Im Auto zeigte er sich genau so entspannt: gemütlich im Körbchen liegend, beobachtend, ruhig. Ein Hund, der ankommt.
Zuhause: Stürmische Begrüßungen, ein Bad und eine unglaubliche erste Nacht
Meine eigenen Hunde haben Djolé natürlich erst einmal abgecheckt – stürmische Hunde sind nicht jederhundes Sache. Aber alle Begegnungen verliefen fair und eine kurze, klare Grenze von Hazel wurde von ihm sofort akzeptiert.
Was folgen musste: ein dringend benötigtes Bad. Was überraschend war: wie freundlich und kooperativ er dabei blieb.
Mit ein bisschen Nassfutter-Motivation klappte sogar der Weg die Treppe hoch. Und dann… kam der Moment, der mich wirklich sprachlos machte:
Er schlief von 23 Uhr bis 7:15 Uhr durch. Kein Jammern, kein Unruhig sein, kein Reinmachen. Das schafft kaum ein Pflegehund in der ersten Nacht.
Warum Routinen und Decken-Training der Schlüssel zum entspannten Hund sind
Für mich gilt bei jedem neuen Hund – egal ob Welpe, Tierschutzhund oder Pflegehund:
direkt nach der Ankunft draußen lösen lassen
nach Schlafen → raus
nach Fressen → raus
nach Spielen → raus
Diese "Welpenregel" ist für jeden Hund sinnvoll. Sie schafft Klarheit, verhindert unnötige Unfälle und gibt dem Hund von Anfang an Orientierung.
Parallel habe ich sofort das Deckentraining etabliert. Warum? Weil Ruhe das Fundament für so vieles ist: für entspanntes Alleinbleiben, Impulskontrolle, einen ausgeglichenen Alltag.
Djolé hat zwar immer mal wieder diskutiert, aber stets freundlich. Und er nahm Grenzen zuverlässig an – ein wichtiger Punkt für jede zukünftige Familie.
Die ersten Spaziergänge: Nase am Boden, Kopf im Overload
Unsere erste Gassirunde war… sagen wir mal: dynamisch. Die Nase klebte am Boden, die Eindrücke prasselten auf ihn ein wie bei einem Menschen, der nach Jahren plötzlich wieder sehen kann.
Ansprechen? Schwierig. Leckerchen? Keine Chance. Orientierung? Null.
Und das ist wichtig zu verstehen: Ein Hund im Reizoverflow kann nicht lernen – er kann nur reagieren.
Deshalb:
kleine Runden (20–30 Minuten)
kein Leinenführigkeitstraining in den ersten Tagen
stattdessen: Struktur und Ordnung light
Das Einzige, das mir anfangs wichtig war: Er soll lernen, rechts zu laufen und nicht vor meine Füße zu springen. Das klappte erstaunlich schnell: mit leichter Körpersprache, ruhigen Signalen und minimaler Leinenunterstützung.
Hundebegegnungen: Pure Freude – aber mit 22 kg leider grenzenlos
Ein großes Thema bei Djolé: Er liebt Hunde. Wirklich alle. Sofort. Intensiv.
Kein Pöbeln, keine Aggression – aber volle Euphorie und ein kräftiger Zug nach vorn, sobald er einen Artgenossen erspäht. Das ist bei seiner Größe und Kraft eine echte Herausforderung.
Und ganz ehrlich: Am ersten Tag beginnt man da nicht mit Training. Das wäre nur zusätzlicher Stress. Also haben wir:
gemanagt
Umwege genommen, wenn nötig
klargestellt, wenn er mich umziehen wollte
und ansonsten Ruhe bewahrt
Ab Tag 3 wurde er deutlich entspannter. Routinen in den Runden halfen ihm sehr. Er schaute immer öfter zu uns hoch, der Fokus verschob sich langsam von außen nach innen – ein schönes Zeichen.
Mittwoch: Besuch für Djolé– und ein erstes ganz großes Herzchen in den Augen
Am Mittwoch kam eine Familie mit zwei Kindern, um Djolé kennenzulernen. Und er hat sich großartig gemacht:
freundlich
offen
zugänglich
und mit genau der richtigen Portion Charme
Die Familie verliebte sich sofort. Beim gemeinsamen Spaziergang zog er zwar, aber das störte sie nicht. Und ich war ehrlich: Seine stürmischen Hundebegegnungen sind das einzige echte „Thema“, das man trainieren muss.
Aber die Familie sagte: „Wir wollen keinen fertigen Hund. Wir wollen ihn.“
Und mein Bauchgefühl war: absolut stimmig.
Freitag: Die Vorkontrolle – und das sichere Gefühl, den Jackpot gefunden zu haben
Am Freitag stand dann die Vorkontrolle bei der Familie an, die Djolé am Mittwoch kennengelernt hatte. Und schon als ich ankam, war da dieses Gefühl: Das passt. Wirklich. Richtig. Gut.
Wir gingen erneut zusammen spazieren und Djolé zeigte sofort, wie wohl er sich mit den Kindern fühlt. Freundlich, offen, zart im Kontakt, aufmerksam – als würde er sagen: „Euch kenne ich doch!“ Die Wohnlage war das i-Tüpfelchen: ein ruhiges Umfeld, direkt am Wald, perfekte Spazierwege, Rückzugsmöglichkeiten – ein Traumstart für einen Hund aus dem Tierschutz.
Die Familie war hochmotiviert, voller Vorfreude und dankbar, dass sie ihren Hund gefunden hat. Also entschieden wir gemeinsam: Am kommenden Montag zieht Djolé ein.
Mit diesem Gefühl bin ich anschließend mit ihm wieder nach Hause gefahren. Das Wochenende durfte er noch bei uns verbringen und ich war froh darüber das er so schnell seine Familie gefunden hat – denn man merkte, wie er bei uns immer mehr aufblühte.
Er rannte durch den Garten, fing an zu bellen, wenn Menschen am Grundstück vorbeikamen (typisch: „Ich wohne jetzt auch hier!“) und heute Morgen passierte etwas, das mich wirklich gerührt hat: Er hat zum ersten Mal mit Hazel gespielt.
Für einen Pflegehund ist das ein großer Schritt, denn spielen kann ein Hund nur wenn er sich wohlfühlt.
Eine Pflegestelle ist ein Übergang – ein Sprungbrett, kein Endbahnhof. Die Hunde kommen an, finden Halt, fassen Vertrauen… und ziehen dann weiter. Das ist wunderschön – und manchmal auch ein bisschen bittersüß.
Denn ja, bei mir gibt es morgen wieder ein lachendes und ein weinendes Auge: Lachend, weil Djolé seine Familie gefunden hat. Weinend, weil man ein Stück seines Herzens immer mitgibt.
Aber genau so ist Pflegestellenarbeit: nachhaltig, wichtig, emotional – und zutiefst erfüllend. Und irgendwann, vielleicht schon sehr bald, steht wieder der nächste Pflegehund im Transporter… und alles beginnt von vorn.





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